Zielpegel heißt: Der Wasserstand, auf den das Becken ausgelegt ist, steht an — hier 101,0 Meter NHN. Erreicht ist damit die Flutung, also das Auffüllen des Restlochs. Was danach folgt, ist Bewirtschaftung: Der Spiegel wird gehalten, Zuläufe und der Ableiter regeln Zufluss und Abgabe, und die Böden der Umgebung bleiben so lange unter Bergaufsicht, bis sie als standsicher gelten. Ein See mit Zielpegel ist deshalb ein volles Becken, nicht zwangsläufig ein zugängliches.
Für den Sedlitzer See fällt dieser Übergang zeitlich mit dem Ende der gesamten Flutungsphase zusammen: Er war der letzte der fünf, der seinen Stand erreichte. Achtundfünfzig Jahre nach dem ersten Wasser im Speicherbecken Niemtsch stehen alle Becken der Kette auf ihrem jeweiligen Sollwert — drei davon, Sedlitzer, Geierswalder und Partwitzer See, auf derselben Höhe von 101,0 Metern.
Die Fläche von 13,30 Quadratkilometern bei einer größten Tiefe von 27 Metern macht den See zum flächengrößten und, im Verhältnis, zum weitesten unter den fünf. Weite Wasserflächen mit geringer Tiefe haben zwei Eigenschaften, die für jedes Standgewässer gelten: Sie bauen bei Wind aus einer Richtung längere Wellen auf, weil die Strecke, über die der Wind angreift, größer ist, und sie erwärmen sich im Sommer schneller als tiefe Becken gleicher Fläche, weil sich die Wärme auf weniger Wasser verteilt. Wer die Zahlen der fünf Blätter nebeneinanderlegt, liest daran ab, welcher See wie reagiert.
Dass zwei seiner Überleiter ohne Schleuse auskommen, hat eine Folge, die über den einzelnen See hinausgeht: Sedlitzer, Geierswalder und Partwitzer See stehen auf derselben Höhe und sind durch Sornoer und Rosendorfer Kanal miteinander kurzgeschlossen. Hydraulisch verhalten sich drei so verbundene Becken wie ein einziger Wasserkörper: Steigt der Stand in einem, fließt Wasser in die anderen nach, bis der Ausgleich wieder erreicht ist. Der Pegel von 101,0 Metern NHN ist deshalb keine Angabe über einen See, sondern über drei.
Für die Karte bedeutet das eine Lesehilfe. Die Kanäle auf dem Blatt sind keine Wege zwischen getrennten Gewässern, sondern die Stellen, an denen der Verbund tatsächlich zusammenhängt. Nur an der einen Stufe zum Senftenberger See hinunter braucht es ein Bauwerk, das den Unterschied hält und überbrückt. Der Ableiter, den das Blatt zusätzlich zeichnet, gehört nicht dazu: Er führt Wasser ab, verbindet aber keine zwei Seen und zählt deshalb nicht als Überleiter.
Für die Chronik heißt das: Der jüngste See der Kette ist zugleich ihr Schlusspunkt. Achtundfünfzig Jahre nach dem ersten Wasser endet mit seinem Zielpegel eine Bauzeit, die länger dauerte als das Berufsleben der Menschen, die sie begonnen haben — und die Bewirtschaftung der Becken beginnt damit erst.