Region · Geschichte
Der Sechsstädtebund: die Liga der Oberlausitzer Städte
1346 schlossen sich Bautzen, Görlitz, Kamenz, Lauban, Löbau und Zittau zu einem Bund zusammen, der fast fünfhundert Jahre bestand. Er sicherte die Handelsstraße Via Regia, setzte Landfrieden gegen Raubritter durch und machte die Städte zur politischen Macht der Oberlausitz. Fünf der sechs liegen heute in Deutschland – und tragen die Spuren der Liga in ihren Rathäusern, Türmen und Märkten.
- 1346
- Gründung des Bundes
- 469
- Jahre Bestand (bis 1815)
- 5 + 1
- Städte heute in D + PL
Warum sich sechs Städte verbündeten
Im 14. Jahrhundert war die Oberlausitz ein Nebenland der böhmischen Krone, weit von Prag entfernt und ohne eigenen Fürsten. Die Via Regia, die wichtigste West-Ost-Handelsstraße Mitteleuropas, führte durch das Land; Raubritter aus den Burgen des Berglands überfielen die Kaufleute. Am 21. August 1346 schlossen Bautzen, Görlitz, Kamenz, Lauban, Löbau und Zittau auf Anregung König Karls IV. einen Bund zum Schutz des Landfriedens. Er verpflichtete die Städte, Raubritter gemeinsam zu verfolgen, Burgen zu brechen und Rechtsbrecher auszuliefern. Aus dem Landfriedensbund wurde bald eine politische Liga: Die Städte traten gegenüber Krone und Adel als Einheit auf, stellten gemeinsam Truppen und verhandelten gemeinsam Steuern.
Die sechs Städte
| Stadt | Rolle im Bund | Heute |
|---|---|---|
| Bautzen | Politischer Vorort, Sitz des Landvogts, Tagungsort | Sachsen, 38.000 Einw. |
| Görlitz | Wirtschaftlich stärkste Stadt, Tuch- und Waidhandel | Sachsen, 56.000 Einw.; Ostteil Zgorzelec (PL) |
| Zittau | Zweitreichste Stadt, Leinen- und Bierhandel | Sachsen, 25.000 Einw. |
| Kamenz | Kleinste Stadt, Marktort an der Via Regia | Sachsen, 17.000 Einw. |
| Löbau | Marktort, Tagungsort des Bundes (Löbauer Bundeshaus) | Sachsen, 15.000 Einw. |
| Lauban | Tuchmacherstadt an der Queis | Polen (Lubań), 21.000 Einw. |
Die Bundesversammlungen fanden meist in Löbau statt, der Stadt in der geografischen Mitte; ein Bundeshaus erinnert daran.
Macht und Fall
Im 15. Jahrhundert war der Sechsstädtebund die stärkste politische Kraft der Oberlausitz. Die Städte kauften Dörfer und Herrschaften auf, hielten eigene Söldner, brachen Burgen wie Tollenstein und Karlsfried und behaupteten sich in den Hussitenkriegen gegen Belagerungen. Görlitz wurde durch den Tuch- und Waidhandel reich – der Waid, eine blaue Färbepflanze, kam aus Thüringen und wurde über Görlitz nach Schlesien und Polen gehandelt. Die Hallenhäuser am Görlitzer Untermarkt sind die Kaufhäuser dieser Zeit.
1547 kam der Fall. Im Schmalkaldischen Krieg hatten die Städte König Ferdinand I. Truppen gestellt, sie aber nach Ablauf der bezahlten Frist abgezogen – kurz vor der entscheidenden Schlacht bei Mühlberg. Ferdinand bestrafte sie mit dem Pönfall (von Pön: Strafe): Verlust aller Landgüter und Privilegien, Abgabe der Waffen, Strafzahlungen von 100.000 Gulden. Die Städte kauften in den folgenden Jahrzehnten vieles zurück, aber ihre politische Macht war gebrochen; der Adel dominierte fortan die Landstände.
Ende und Nachwirken
Der Bund bestand formal weiter, als die Oberlausitz 1635 an Sachsen fiel. Er endete 1815, als der Wiener Kongress das Land teilte: Görlitz und Lauban wurden preußisch, die anderen vier blieben sächsisch. Seit 1991 pflegen die sechs Städte – Lubań eingeschlossen – den Bund als Städtepartnerschaft mit gemeinsamen Kulturveranstaltungen und einem jährlichen Sechsstädtebund-Treffen.
Was von der Liga zu sehen ist
In Bautzen die Ortenburg, Sitz des königlichen Landvogts, und der Reichenturm; in Görlitz die Hallenhäuser am Untermarkt und das Rathaus mit der Justitia von 1591; in Zittau das Große Fastentuch von 1472 als Zeichen städtischen Reichtums; in Kamenz die Hauptkirche St. Marien mit ihren Altären; in Löbau das Bundeshaus und der Marktplatz. Die Städte liegen auf einer Linie von 90 Kilometern und lassen sich in drei Tagen bereisen – die Via Regia, die sie einst verband, ist heute als Kulturroute ausgeschildert.
Die Via Regia als Rückgrat
Ohne die Via Regia hätte es den Bund nicht gegeben. Die Straße führte von Frankfurt am Main über Erfurt und Leipzig nach Görlitz, Breslau und Krakau; in der Oberlausitz verband sie Kamenz, Bautzen, Löbau und Görlitz. Kaufleute zahlten Zoll in den Städten, lagerten in ihren Kaufhäusern und übernachteten in ihren Herbergen – der Handel finanzierte Mauern, Rathäuser und Kirchen. Die Sicherung der Straße war daher kein Dienst am Reich, sondern Selbsterhalt. Heute ist die Via Regia als Kulturroute des Europarats ausgeschildert und von Görlitz bis Kamenz mit dem Rad in drei Tagen zu fahren.
Wie ein Bund ohne Staat funktionierte
Der Sechsstädtebund war kein Staat und keine Verwaltung, sondern ein Vertrag zwischen sechs Ratsversammlungen, und genau daraus bezog er seine Beweglichkeit. Beschlüsse fielen auf Städtetagen, die abwechselnd in den Mitgliedsstädten tagten; jede Stadt schickte Ratsherren, die ihre Bürgerschaft vertraten und an deren Interessen gebunden blieben. Was beschlossen wurde, mussten die Städte selbst durchsetzen – mit eigenem Aufgebot, eigenen Söldnern und eigenem Geld.
Aus dieser Konstruktion erklärt sich, warum der Bund gegen Raubritter erfolgreich war und gegen den Landesherrn scheiterte. Gegen einzelne Burgen ließ sich ein gemeinsames Aufgebot schnell zusammenziehen, und die Kosten verteilten sich. Gegen einen König, der über Truppen, Recht und Privilegien verfügte, half diese Beweglichkeit nicht: Er konnte die Städte einzeln in die Pflicht nehmen, ihre Rechte widerrufen und ihre Kassen belasten – was 1547 nach dem Pönfall geschah.
Die sechs Städte heute
Von den sechs Städten liegen fünf in Sachsen und eine, Lauban, seit 1945 in Polen als Lubań. Ihre Wege sind seither weit auseinandergegangen. Görlitz ist mit rund 55.000 Einwohnern die größte und dank der unzerstörten Altstadt die bekannteste; Bautzen ist Verwaltungssitz und Zentrum der sorbischen Kultur; Zittau lebt am Dreiländereck; Löbau und Kamenz sind Kleinstädte mit je eigenem Kern – Löbau mit dem gusseisernen Turm auf dem Löbauer Berg und dem Haus Schminke, Kamenz mit dem Lessinghaus.
Für Reisende ergibt das eine ungewöhnlich dichte Städtefolge: Alle sechs liegen innerhalb von siebzig Kilometern, und die Bahnstrecke Görlitz–Löbau–Bautzen verbindet drei von ihnen an einem Tag. Eine Rundreise auf den Spuren des Bundes ist damit auch ohne Auto machbar.
Häufige Fragen
Welche Städte gehörten zum Sechsstädtebund?
Bautzen, Görlitz, Kamenz, Löbau und Zittau in der heutigen sächsischen Oberlausitz sowie Lauban, das heute als Lubań in Polen liegt. Görlitz war die wirtschaftlich stärkste, Bautzen die politisch führende Stadt.
Was war der Pönfall?
Die Bestrafung der sechs Städte 1547 durch König Ferdinand I., weil sie ihm im Schmalkaldischen Krieg die Truppen vorzeitig abgezogen hatten. Die Städte verloren Landbesitz, Privilegien und mussten hohe Strafen zahlen; die Macht des Bundes war danach gebrochen, er bestand aber formal weiter.
Warum endete der Sechsstädtebund 1815?
Weil der Wiener Kongress die Oberlausitz teilte: Görlitz und Lauban kamen zu Preußen, Bautzen, Kamenz, Löbau und Zittau blieben sächsisch. Ein Bund über eine Staatsgrenze hinweg war nicht mehr möglich.