Lausitz TourismusLausitzer Seenland

Region · Wirtschaft

Industrie in der Lausitz – Tuch, Glas, Kohle und der Wandel danach

Die Lausitz war über 150 Jahre Industrieland: Tuchmacherstädte an der Spree und Neiße, der größte Glasstandort Europas in Weißwasser, das Braunkohlerevier als Energiezentrum der DDR. Seit 1990 hat sie den Verlust von zwei Dritteln dieser Industrie erlebt – und arbeitet am zweiten Strukturwandel, dem Ende der Kohle.

12
Glashütten in Weißwasser um 1900
~80.000
Beschäftigte im Bergbau 1989
17Mrd. €
Strukturmittel bis 2038

Tuch und Leinen

Die erste Industrie der Lausitz war Textil. Cottbus, Forst, Guben und Spremberg waren im 19. Jahrhundert Tuchmacherstädte; Forst nannte sich „deutsches Manchester” und hatte um 1900 über hundert Tuchfabriken. In der Oberlausitz webte das Bergland Leinen und später Baumwolle – Zittau, Großschönau, Ebersbach; die Umgebindehäuser mit ihrer Blockstube entstanden für den Webstuhl, dessen Schwingungen ein Fachwerkhaus nicht ertrug. Das Brandenburgische Textilmuseum in Forst und das Damast- und Frottiermuseum in Großschönau zeigen Maschinen, Muster und den Alltag der Weber. Von der Textilindustrie ist wenig geblieben; sie brach nach 1990 fast vollständig zusammen.

Glas

Weißwasser in der Muskauer Heide wurde ab 1870 zum größten Glasstandort Europas: Quarzsand aus der Heide, Holz und Braunkohle aus dem Faltenbogen, die Bahnlinie Berlin–Görlitz für den Absatz. Um 1900 arbeiteten zwölf Glashütten in der Stadt; sie produzierten Trinkgläser, Lampenglas und Fernsehbildröhren. Nach 1990 schlossen fast alle; eine Hütte produziert heute noch Wirtschaftsglas. Das Glasmuseum Weißwasser dokumentiert die Geschichte, die Waldeisenbahn Muskau – einst Werksbahn zwischen Hütten, Gruben und Wald – fährt als Museumsbahn.

Kohle und Energie

Mit der Brikettfabrik Louise in Domsdorf begann 1882 die industrielle Nutzung der Braunkohle. Die Lausitz wurde zum Revier: Tagebaue, Brikettfabriken, Kraftwerke, ab 1955 das Kombinat Schwarze Pumpe mit Kokerei, Gaswerk und Kraftwerk – der größte Industriekomplex der DDR – und die Neustadt Hoyerswerda für seine Arbeiter. 1989 arbeiteten rund 80.000 Menschen in Bergbau und Energie; die Lausitz deckte etwa ein Drittel des DDR-Energiebedarfs. Nach 1990 wurden 17 Tagebaue und die meisten Brikettfabriken stillgelegt, zwei Drittel der Arbeitsplätze fielen weg. Geblieben sind drei Tagebaue, die Kraftwerke Schwarze Pumpe und Boxberg und der Industriepark Schwarze Pumpe mit Papierfabrik und Chemie.

Fahrzeugbau und Maschinen

Görlitz baut seit 1849 Eisenbahnwagen – Doppelstockwagen aus Görlitz fahren in ganz Europa. Bautzen fertigt Straßenbahnen und Schienenfahrzeuge; das Werk entstand 1846 als Waggonfabrik. Lauchhammer, die älteste Industriestadt der Lausitz, gießt seit 1725 – zuerst Eisen, dann Kunstguss und heute Windkraftanlagen-Komponenten; die Biotürme der ehemaligen Kokerei sind ihr Wahrzeichen. Cottbus hat mit dem Bahnwerk und der Universität einen Schwerpunkt in Verkehrstechnik.

Der erste Strukturwandel: nach 1990

Der Zusammenbruch der DDR-Industrie traf die Lausitz härter als die meisten Regionen Ostdeutschlands. Textil, Glas, Brikettfabriken und der Großteil des Bergbaus verschwanden innerhalb von fünf Jahren; die Bevölkerung von Hoyerswerda halbierte sich, Weißwasser verlor ein Drittel. Was blieb, wurde umgebaut: Schwarze Pumpe zum Industriepark, die Tagebaue zu Seen, Görlitz zur Denkmal- und Filmstadt. Die Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (2000–2010) stellte die Bergbaufolgelandschaft als Chance dar – das Lausitzer Seenland ist ihr Ergebnis.

Der zweite Strukturwandel: nach der Kohle

Mit dem Kohleausstieg bis spätestens 2038 verliert die Lausitz ihre letzte Großindustrie. Das Strukturstärkungsgesetz von 2020 stellt der Region 17 Milliarden Euro bereit. Geplant und teils begonnen sind: der Ausbau der Bahnstrecken Berlin–Cottbus–Görlitz und Dresden–Görlitz, neue Forschungsinstitute in Cottbus, Görlitz und Senftenberg, das Bahnwerk Cottbus für ICE-Wartung, Industrieflächen auf ehemaligen Kippen für Wasserstoff und Solarenergie, und die Fertigstellung der Seenlandschaft mit dem Cottbuser Ostsee als größtem künstlichen See Deutschlands. Ob der Wandel gelingt, entscheidet sich in den 2030er Jahren.

Industriekultur besuchen

OrtThema
Brikettfabrik Louise, DomsdorfÄlteste Brikettfabrik Europas, 1882–1991
Förderbrücke F60, LichterfeldGrößte bewegliche Arbeitsmaschine der Welt, begehbar
Kraftwerk PlessaBraunkohlekraftwerk von 1927, technisches Denkmal
Biotürme LauchhammerReste der Kokerei, Aussichtspunkt
Textilmuseum ForstTuchmacherstadt, Maschinen im Betrieb
Glasmuseum WeißwasserGlasstandort und Waldeisenbahn
Energiefabrik KnappenrodeEhemalige Brikettfabrik als Museum des Lausitzer Reviers

Was die Industrie im Landschaftsbild hinterließ

Die Spuren der Industrie sind in der Lausitz nicht museal, sondern topografisch. Kippen und Halden bilden die einzigen Erhebungen in weiten Teilen der Niederlausitz; die Seen der Seenkette liegen dort, wo die Bagger standen. Ehemalige Kohlebahntrassen sind heute Radwege, weil sie eben, breit und geradlinig verlaufen – die Seenland-Route und Teile der Bergbautour nutzen sie über Kilometer.

Auch die Dörfer und Städte tragen die Handschrift der Industrie. Werkssiedlungen aus der Zeit um 1900 stehen in Weißwasser und Lauchhammer, die Neustadt von Hoyerswerda entstand ab 1957 für die Beschäftigten des Kombinats Schwarze Pumpe, und in den Tuchmacherstädten Forst und Spremberg prägen Fabrikgebäude aus rotem Ziegel die Flussufer. Über hundert Dörfer wurden für die Tagebaue abgebaggert; Erinnerungsorte wie der Erlichthof in Rietschen, der Schrotholzhäuser aus abgebaggerten Orten versammelt, halten das fest.

Arbeit, Abwanderung, Rückkehr

Der wirtschaftliche Bruch nach 1990 war zugleich ein demografischer. Mit den Betrieben verschwanden in wenigen Jahren zehntausende Arbeitsplätze; wer jung war, ging nach Westdeutschland, Berlin oder Dresden. Städte wie Hoyerswerda, Weißwasser und Forst verloren jeweils ein Drittel ihrer Einwohner und mehr, sichtbar an abgerissenen Wohnblöcken und an Schulen, die zu Verwaltungsgebäuden wurden.

Seit den 2010er Jahren hat sich die Bewegung verlangsamt, in einzelnen Orten gedreht. Günstige Immobilienpreise, der Ausbau der Bahnverbindungen nach Berlin und Dresden und Arbeitsplätze in Forschung, Verwaltung und Medizin bringen Zuzug, teils von Rückkehrenden mit familiären Wurzeln in der Region. Für Reisende ist dieser Wandel unmittelbar sichtbar: in wiederhergestellten Altstädten neben leerstehenden Fabriken, in Radwegen auf Kohlebahntrassen und in Hafenanlagen an Seen, die vor dreißig Jahren Gruben waren.

Häufige Fragen

Welche Industrie gibt es heute in der Lausitz?

Energie (Kraftwerke, zunehmend Wind und Solar auf Kippenflächen), Chemie und Papier in Schwarze Pumpe, Fahrzeugbau in Görlitz und Bautzen, Textil in Restbeständen im Bergland, Glas in Weißwasser, Metall in Lauchhammer. Dazu Forschung: Die BTU Cottbus-Senftenberg und neue Institute sind Teil des Strukturwandels.

Warum war die Lausitz für die DDR so wichtig?

Wegen der Braunkohle. Die DDR hatte kaum andere Energieträger; die Lausitz lieferte bis 200 Millionen Tonnen Kohle im Jahr für Kraftwerke, Brikettfabriken und die Kokerei Schwarze Pumpe. Etwa 80.000 Menschen arbeiteten 1989 im Bergbau und in der Energiewirtschaft.

Was passiert nach dem Kohleausstieg?

Bis spätestens 2038 enden Abbau und Verstromung. Das Strukturstärkungsgesetz stellt 17 Milliarden Euro für die Lausitz bereit – für Bahnstrecken, Forschungsinstitute, Industrieflächen und die Seenlandschaft, die aus den Tagebauen entsteht.

Lausitz Tourismus · Lausitzer Seenland

51°31′N 14°08′E