Region · Sagen
Sorbische Sagen: Krabat, Mittagsfrau, Wassermann und ihre Orte
Die Sorben haben eine der reichsten Sagenwelten Mitteleuropas bewahrt. Ihre Figuren – der Zauberlehrling Krabat, die Mittagsfrau mit der Sichel, der Wassermann in den Teichen, die Zwerge Lutki – erklären eine Landschaft aus Wasser, Wald und Feldern. Diese Seite erzählt die wichtigsten Sagen und zeigt, wo sie spielen.
- 1971
- Preußlers Krabat-Roman
- 6
- zentrale Sagenfiguren
- 2012
- Eröffnung der Krabat-Mühle
Woher die Sagen kommen
Sagen entstehen, wo Menschen sich eine Landschaft erklären. Die Lausitz der Sorben war eine Landschaft aus Wasser – Fließe, Teiche, Moore –, aus Wald und aus Feldern, auf denen Flachs und Roggen wuchsen. Ihre Sagenfiguren bewachen genau diese Orte: der Wassermann die Teiche, die Mittagsfrau die Felder, die Lutki die Hügel, die Irrlichter die Moore. Gesammelt wurden die Sagen im 19. Jahrhundert von sorbischen Gelehrten wie Jan Arnošt Smoler und dem Pfarrer Wilibald von Schulenburg; sie sind seither Teil der sorbischen Literatur und werden in Schulen, Theatern und auf Festspielen weitererzählt.
Krabat
Die berühmteste sorbische Sage erzählt von einem Waisenjungen, der in der Schwarzen Mühle am Koselbruch bei Schwarzkollm in die Lehre geht. Der Müller ist ein Schwarzkünstler, der seine zwölf Gesellen die schwarze Kunst lehrt und jedes Jahr einen von ihnen dem Tod opfert. Krabat lernt schneller als alle, erkennt das Spiel und befreit sich am Ende – in Preußlers Fassung durch die Liebe eines Mädchens aus dem Dorf, das ihn unter den zwölf in Raben verwandelten Gesellen erkennt. Die Volkssage ist älter und heller: Dort wird Krabat nach der Lehre ein guter Zauberer, der dem Kurfürsten hilft und seinem Dorf Wohlstand bringt.
Der historische Kern ist belegt: Johann von Schadowitz, ein Offizier kroatischer Herkunft, erhielt 1691 das Gut Groß Särchen und starb 1704 in Wittichenau. Aus dem „Kroaten” wurde im Sorbischen Krabat. Otfried Preußler machte die Sage 1971 als Jugendroman weltberühmt; Jurij Brězan schrieb 1976 den sorbischen Krabat-Roman. Die Krabat-Mühle in Schwarzkollm, 2012 eröffnet, ist heute der Ort, an dem die Sage gespielt wird.
Die Mittagsfrau
Připołdnica, die Mittagsfrau, erscheint zur Mittagsstunde auf den Feldern – eine hohe Frau in Weiß mit einer Sichel. Wer die Mittagsruhe nicht einhält, muss ihr eine Stunde lang ohne Pause vom Flachsanbau erzählen: vom Säen bis zum Weben. Wer stockt, dem schneidet sie den Kopf ab. Die Sage ist eine Mahnung zur Mittagsruhe in der Sommerhitze und zugleich ein Lob der Frauen, die alles über Flachs wussten. Sie ist in der ganzen Lausitz verbreitet; in Cottbus steht ein Mittagsfrau-Denkmal, im Spreewald heißen Gasthöfe nach ihr.
Der Wassermann
Wódny muž, der Wassermann, lebt in Teichen, Fließen und Mühlgräben. Er ist klein, grün gekleidet, mit nassem Rocksaum, und kommt auf Märkte und Feste unter die Menschen. Er ist nicht böse, aber gefährlich: Wer ihn kränkt, ertrinkt. Sein Reich unter Wasser ist ein Dorf mit Häusern und Gärten, in das er Menschen lockt. In der Teichlandschaft um Königswartha und im Spreewald sind Wassermann-Sagen an fast jeden Teich geknüpft; das Freilandmuseum Lehde und das Haus der Tausend Teiche erzählen sie.
Lutki, Schlangenkönig, Irrlichter
Die Lutki sind Zwerge, die in Hügeln und unter Scheunen wohnen; sie helfen den Menschen beim Backen und Dreschen, verlangen aber Höflichkeit und Ruhe. Als die Kirchenglocken kamen, zogen sie fort – die Sage erklärt so den Übergang vom heidnischen zum christlichen Land. Der Schlangenkönig trägt eine goldene Krone; wer sie ihm nimmt, wird reich, aber verfolgt. Die Irrlichter (Błudnički) sind Seelen ungetaufter Kinder, die Wanderer in die Moore locken – das Dubringer Moor und die Spreewaldfließe sind ihre Orte.
Sagenorte
| Ort | Sage | Was zu sehen ist |
|---|---|---|
| Schwarzkollm | Krabat | Krabat-Mühle, Erlebnispfad, Festspiele |
| Groß Särchen | Krabat | Denkmal, Gutshof des historischen Vorbilds |
| Wittichenau | Krabat | Grab des Johann von Schadowitz in der Kirche |
| Cottbus | Mittagsfrau | Denkmal, Wendisches Museum |
| Königswartha, Wartha | Wassermann | Teichlandschaft, Haus der Tausend Teiche |
| Lehde | Wassermann, Lutki | Freilandmuseum |
| Dubringer Moor | Irrlichter | Beobachtungsstände am Moorrand |
Sagenwanderungen mit Erzählerin gibt es in Schwarzkollm, im Spreewald und in Bautzen; für Kinder sind sie der beste Einstieg in die Lausitz.
Wie die Sagen weitergegeben wurden
Die Sagen sind nicht als Bücher entstanden, sondern als gesprochene Geschichten in einer Sprache ohne große Schriftlichkeit. Erzählt wurde beim Spinnen, in der Scheune, am Feuer, beim Hüten – Situationen, in denen mehrere Menschen lange beieinandersaßen. Aufgeschrieben wurden sie erst im 19. Jahrhundert, als sorbische Gelehrte und Volkskundler durch die Dörfer zogen und sammelten; ohne diese Arbeit wären die meisten Figuren verschwunden.
Das erklärt, warum viele Sagen in mehreren Fassungen existieren, die sich im Ort, im Namen und im Ausgang unterscheiden. Der Wassermann heißt in der Niederlausitz anders als in der Oberlausitz, die Mittagsfrau erscheint in einem Dorf mit Sichel, im nächsten mit Schürze, und Krabat wird je nach Erzählung als Zauberer, als Wohltäter oder als Warnung geschildert. Wer heute liest oder eine Führung hört, hört immer eine Fassung – nicht die einzige.
Sagen und Landschaft
Fast alle Figuren sind an einen Landschaftstyp gebunden, und das macht sie unterwegs erkennbar. Der Wassermann gehört zu Teichen, Fließen und Mühlgräben, also in die Teichlandschaft und in den Spreewald; die Mittagsfrau erscheint im offenen Feld zur heißesten Stunde, dort, wo im Sommer die Erntearbeit stattfand. Irrlichter gehören in die Moore, die Lutki in Hügel und alte Steine, Krabat in eine Mühle am Wasser.
Diese Zuordnung ist keine Ausschmückung, sondern eine Funktion. Die Geschichten warnten Kinder vor dem Wasser, mahnten zur Mittagspause bei der Feldarbeit und erklärten Unfälle in einer Umgebung, in der Moor, Teich und Sandsturm reale Gefahren waren. Wer die Sagenorte besucht, sieht deshalb weniger Kulisse als Gebrauchslandschaft – und versteht, warum die Figuren genau dort wohnen, wo sie wohnen.
Häufige Fragen
Ist Krabat eine echte Figur?
Die Sage hat einen historischen Kern: Johann von Schadowitz (1624–1704), ein kroatischer Offizier in sächsischen Diensten, erhielt vom Kurfürsten das Gut Groß Särchen bei Hoyerswerda. Aus „dem Kroaten“ wurde im Volksmund Krabat; die Sage machte ihn zum Zauberer, der seinem Dorf half. Sein Grab liegt in der Kirche von Wittichenau.
Wer ist die Mittagsfrau?
Eine Frauengestalt mit Sichel, die zur Mittagsstunde auf den Feldern erscheint. Wer in der Hitze weiterarbeitet, muss ihr eine Stunde lang über den Flachsanbau erzählen – wer nicht kann, verliert den Kopf. Die Sage mahnte zur Mittagsruhe und lebt in Redewendungen bis heute.
Wo kann man Krabat erleben?
An der Krabat-Mühle in Schwarzkollm bei Hoyerswerda – nachgebaute Mühle mit Erlebnispfad und Sommerfestspielen –, in Groß Särchen mit Krabat-Denkmal und in der Kirche Wittichenau am Grab des historischen Vorbilds.