Region · Ostern
Ostern in der Lausitz: Osterreiten, Ostereier, Karwoche
Kein Fest zeigt die Lausitz so wie Ostern. In der Karwoche werden Eier verziert, in der Osternacht holen Mädchen schweigend Osterwasser, am Ostersonntag reiten über 1.500 Männer in Frack und Zylinder von Kirche zu Kirche. Diese Seite führt von Gründonnerstag bis Ostermontag durch die Bräuche – mit Orten, Zeiten und Regeln für Gäste.
- 1.500+
- Osterreiter
- 9
- Prozessionen
- 4
- Verziertechniken für Eier
Gründonnerstag: Eier verzieren
Die Osterwoche beginnt mit den Eiern. Sorbische Ostereier werden in vier Techniken verziert, die sich nach Region unterscheiden: Wachsbatik – mit Federkiel und Stecknadelkopf wird flüssiges Wachs in Mustern aufgetragen, dann gefärbt, dann das Wachs abgeschmolzen; Kratztechnik – in ein gefärbtes Ei werden Muster geritzt; Ätztechnik – Säure nimmt die Farbe an bemalten Stellen wieder ab; Bossiertechnik – farbiges Wachs bleibt als Relief auf dem Ei. Die Muster sind alt: Dreiecke als Wolfszähne gegen böse Geister, Sonnen für Fruchtbarkeit, Bienenwaben für Fleiß. Verzierte Eier werden zu Ostern an Paten- und Nachbarskinder verschenkt. Werkstätten in Bautzen, Schleife und im Spreewald bieten in der Karwoche Kurse an; die Ostereiermärkte finden bereits im März statt.
Karsamstag: Osterfeuer und Osterwasser
Am Abend des Karsamstags brennen in der Niederlausitz und im Spreewald die Osterfeuer, auf Dorfplätzen und Wiesen, seit Wochen aufgeschichtet aus Reisig und Holz. In der Osternacht folgt der stillste Brauch: Vor Sonnenaufgang gehen Mädchen und junge Frauen zu einem Bach oder Fluss und holen Osterwasser. Auf dem Weg darf kein Wort gesprochen werden, sonst wird das Wasser zu „Plapperwasser” und verliert seine Kraft. Mit Osterwasser gewaschen, soll man das Jahr über gesund und schön bleiben. Junge Männer versuchen, die Mädchen zum Sprechen zu bringen – der Brauch ist auch ein Spiel.
Ostersonntag: Osterreiten
Der Höhepunkt ist das Osterreiten der katholischen Sorben. Am Vormittag versammeln sich in neun Kirchgemeinden zwischen Bautzen und Wittichenau die Reiter – Männer in schwarzem Frack, weißem Hemd, Zylinder, mit geschmückten Pferden und Kirchenfahnen. Nach dem Segen reitet jede Prozession singend und betend in die Nachbargemeinde, um dort die Osterbotschaft zu verkünden; am Nachmittag reitet sie zurück. Die größten Prozessionen – Wittichenau nach Ralbitz und zurück, Crostwitz nach Panschwitz-Kuckau – haben mehrere hundert Reiter. Insgesamt sind über 1.500 Männer und ebenso viele Pferde unterwegs.
| Prozession | Strecke | Reiter (ca.) |
|---|---|---|
| Wittichenau – Ralbitz | 8 km | 400 |
| Ralbitz – Wittichenau | 8 km | 350 |
| Crostwitz – Panschwitz-Kuckau | 5 km | 350 |
| Panschwitz-Kuckau – Crostwitz | 5 km | 250 |
| Nebelschütz – Ostro | 5 km | 100 |
| Radibor – Storcha | 6 km | 200 |
| Storcha – Radibor | 6 km | 150 |
| Bautzen – Radibor | 8 km | 90 |
| Ostro – Nebelschütz | 5 km | 100 |
Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr. Zuschauer stehen an den Dorfstraßen, auf Feldwegen entlang der Strecke und an den Kirchen. Der Brauch ist Gottesdienst; Applaus, Zurufe und das Überqueren der Straße während des Zuges gelten als Störung.
Ostermontag: Ostersingen und Waleien
Der Ostermontag gehört den Kindern. Im Spreewald und in der Niederlausitz waleien sie: Eier werden über eine schräge Bahn gerollt, wer ein anderes Ei trifft, gewinnt es. In der Oberlausitz ziehen Mädchen zum Ostersingen durch die Dörfer und singen vor den Häusern Osterlieder, in Schleife in Tracht. In den Familien werden die verzierten Eier verschenkt und die Osterlämmer – Rührkuchen in Lammform – angeschnitten.
Ostern erleben
Wer Ostern in der Lausitz verbringen will, bucht früh: Hotels in Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda sind zum Osterreiten ein Jahr im Voraus ausgebucht. Der beste Standort ist Bautzen mit Zugang zu allen Prozessionen in 20 bis 30 Minuten. Busse parken außerhalb der Dörfer; die letzten Meter geht man zu Fuß. Das Sorbische Museum Bautzen zeigt Eier, Trachten und die Geschichte des Reitens; die Ostereiermärkte im März sind der Einstieg für alle, die die Eier selbst verzieren wollen. Im Spreewald verbinden Kahnfährleute Ostern mit den ersten Fahrten der Saison.
Die Sprache hinter den Bräuchen
Die Osterbräuche gehören zu einer Sprachgemeinschaft, nicht nur zu einer Landschaft. Sorbisch ist eine westslawische Sprache und existiert in zwei Schriftformen: Obersorbisch um Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda, Niedersorbisch um Cottbus und im Spreewald. Beide sind in Deutschland als Minderheitensprachen anerkannt, Ortstafeln und Wegweiser sind im Siedlungsgebiet zweisprachig, und in den katholisch-sorbischen Dörfern zwischen Bautzen und Wittichenau ist Obersorbisch bis heute Alltagssprache.
Für die Bräuche ist das entscheidend. Die Gesänge der Osterreiter sind sorbisch, die Ostersinglieder ebenso, und viele Muster der verzierten Eier tragen sorbische Namen. Die Dachorganisation Domowina, 1912 gegründet, vertritt die sorbische Bevölkerung; Institutionen wie das Sorbische Museum in Bautzen, das Wendische Museum in Cottbus und das Sorbische National-Ensemble halten Sprache und Überlieferung sichtbar. Wer die Osterwoche in der Lausitz erlebt, erlebt deshalb keine Folklore für Gäste, sondern das Kirchenjahr einer Minderheit.
Als Gast dabei sein
Ein paar Regeln machen den Unterschied zwischen Zuschauen und Störung. Die Prozessionen sind Gottesdienst: Wer am Straßenrand steht, bleibt stehen, bis der Zug vorbei ist, und überquert die Straße nicht zwischen den Pferden. Fotografiert wird aus der Distanz und ohne Blitz, der die Tiere erschreckt. Hunde bleiben zu Hause.
In den Kirchen der Dörfer ist während des Segens kein Platz für Kameras; die Gottesdienste sind offen, aber voll. Kleidung nach Wetter, Schuhe nach Feldweg – die schönsten Streckenabschnitte liegen zwischen den Dörfern. Und wer nach dem Reiten in einem Dorfgasthof isst, sollte einen Tisch reserviert haben: Am Ostersonntag sind die Häuser zwischen Ralbitz, Crostwitz und Wittichenau ab dem Mittag besetzt.
Häufige Fragen
Wann und wo findet das Osterreiten statt?
Am Ostersonntag, vormittags ab etwa 10 Uhr, zwischen Bautzen, Radibor, Storcha, Crostwitz, Panschwitz-Kuckau, Nebelschütz, Ralbitz und Wittichenau. Neun Prozessionen reiten in die jeweilige Nachbargemeinde und am Nachmittag zurück. Zuschauer stehen an den Dorfstraßen.
Was ist Osterwasser?
Wasser, das Mädchen in der Osternacht vor Sonnenaufgang schweigend aus einem fließenden Gewässer holen. Es soll Schönheit und Gesundheit bringen – aber nur, wenn auf dem Weg kein Wort gesprochen wird. Der Brauch lebt in den sorbischen Dörfern und im Spreewald.
Kann man Osterreiten fotografieren?
Ja, vom Straßenrand aus. Die Prozessionen sind Gottesdienst: kein Applaus, kein Überqueren der Straße während des Zuges, kein Blitzlicht auf die Pferde. Wer sich an diese Regeln hält, ist überall willkommen.